3. Mai 2015

Hummeln im Kopf

Über die Entschleunigung und warum sie besonders für einen Autor wichtig ist

Diesen Artikel wollte ich eigentlich in meinem letzten Post als abschliessenden Link hinzufügen. Aber ich halte diesen Artikel von Hugh McGuire für so wichtig, dass ich ihn genauer sezieren und meinen Senf besteuern möchte.

Dieser Artikel "Why can´t we read anymore?" ist eine beeindruckende Sammlung von Argumentationen und Plädoyers für das Lesen. Das konzentrierte Lesen und die Beschäftigung mit wichtigen Dingen. Er offenbart die Schwäche der fehlenden Entschleunigung in uns allen - und die Folgen für das sozio-kulturelle Gefüge.

Der Autor ist entsetzt als er feststellt, dass er in einem Jahr nur vier Bücher gelesen hat. Und das, obwohl er unentwegt liest. Einen Artikel hier, einen Blogpost dort, einen Beitrag in einem Forum auf dem Tablet, Twitter-Nachrichten auf dem Smartphone. Als seine kleine, vierjährige Tochter sein Gesicht in beide Hände nimmt und ihm sagt, er solle sie ansehen, wenn sie versucht, mit ihm zu reden, da wird ihm klar, wie viel in dieser beschleunigten Gesellschaft verlorengeht. Den Artikel über Nordkorea - sicher immer ein wichtiges Thema unserer Zeit - legt er weg und erkennt, dass seine kleine Tochter die Wesentlichkeit des Augenblickes besser erkannt hat, als er selbst.

Er erkennt, dass die Ursache für diesen Verlust an Substanz mit der Unfähigkeit, sich wirklich konzentrieren zu können, einhergeht. Ständig wird unsere Konzentration unterbrochen. Als Grund erkennt er das Verlangen des menschlichen Hirns nach Dopamin, welches in kleinen Portionen mit jeder neuen als wesentlich erkannten Information ausgeschüttet wird. Das bedeutet: vier schnelle Erkenntnisse hintereinander, werden vom Gehirn als wesentlicher bewertet, als eine Information, die sich nach vierfacher Zeit ergibt. Auch dann, wenn diese einzelne Information vielleicht wichtiger, grundlegender und nachhaltiger ist. Also versuchen wir, alles in unserer Umgebung auf diese häppchenweise Dopamin-Ausschüttung auszurichten. So wie ein Rennfahrer, der immer schneller fahren will, um mehr Glückshormone zu bekommen.

Das hat natürlich nachhaltige Auswirkungen auf unser gesamtes Verhalten. Man sieht das eindringlich bei jungen Mädchen, die unentwegt auf ihr Smartphone starren. Jede neue E-Mail, jeder Refresh einer Internetseite, jede neue Twitternachricht, jeder neue Facebook-Kommentar, verspricht diesen kleinen Dopamin-Ausstoß. Ist dieser permanente Drang nach Information, dann auch noch mit der eigenen Wertschöpfung, sprich der Arbeit, die unsere Existenz absichert, verbunden - dann bekommt dieser Gesamtkomplex eine gesellschaftlich relevante Funktion.

McGuire bietet auch direkt Lösungswege an. Fernseher aus, keine Artikel mehr während der regulären Arbeit lesen, ab einer bestimmten Uhrzeit überhaupt kein Social Network mehr und - das Wichtigste, weil ganz persönlicher Vorgang: die Bewusstwerdung, dass das Auslassen einer Information selbst auch ein Glücksgefühl erzeugen kann.

Nun, ich kann diesen Artikel wirklich nur empfehlen ... .

Was aber hat das mit einem Autor zu tun?

Fehlende Entschleunigung führt dazu, dass Menschen nicht mehr lesen. Nicht mehr wirklich lesen. Der Dopamin-Ausstoß beim Lesen meiner Bücher entsteht erst am Ende. Deswegen sind die Teile von "Justitia" auch bewusst etwas kürzer gehalten. Bei einem Buch wie "Amor Simplex" entsteht das Glücksgefühl - natürlich nur, wenn man das Buch nicht völlig langweilig findet - auch erst im Nachhinein und verteilt sich langsam über einen längeren Zeitraum. Ich bin übrigens deswegen Autor, weil der Stolz, so ein Buch geschaffen zu haben, ein Leben lang anhält.

Warum also sollte jemand ein Buch lesen, wenn das kurzfristige Dopamin einen Mausklick, einen Tipp von der Fernbedienung weit weg ist? Wer das dann noch mit der Vorstellung paart, ich mache etwas deswegen nicht, weil ich es eh machen könnte, der also die Vorstellung von sich selbst mit diesem Dopamin-Rausch verknüpft, der wird nie ein Buch lesen, nie die Intention hinter einem Buch verstehen.

Solche Menschen haben Hummeln im Kopf. Dicke, behäbige Viecher, die uns unablässig zwischen kleinen bunten Reizen hin und her springen lassen, obwohl der große, dicke Topf mit Nektar unscheinbar überall und jederzeit erreichbar ist.

Ein Buch lesen bedeutet, ein Fundament zu bauen - sich hingegen durch die Welt zu zappen und zu klicken ist das Ergötzen an in dem Moment ihrer Entstehung zerfallenden Kartenhäusern.

Das ist der Grund, warum ich nach und nach aus allen meinen Texten Tondokumente machen werde. Einen Satz zu hören, vom Autor selbst, ist Glücksgefühl - nicht, weil meine Stimme so schön ist, sondern weil Intonation einen großen Teil von Intention vorweg nimmt. Intentionen wahrzunehmen erzeugt kein Glücksgefühl. Die Intention ist nur der Spannungsbogen von der Grundlage zur Erkenntnis. Je kürzer dieser ist, desto schneller tritt die Erkenntnis ein.

Als Autoren müssen wir uns darauf einstellen. Wir müssen uns zum Einen damit abfinden, dass die Menschen, die diesen Zusammenhang nicht erkennen (die sind nach dem ersten Absatz dieses Artikels schon ausgestiegen, weil Outlook ihnen eine neue Mail angezeigt hat oder im Fernsehen beginnt die nächste Folge von "Mitten im Leben" ;-) ) eh niemals mit unseren Gedanken etwas werden anfangen können. Wir werden diese Menschen eh nicht erreichen. Und ja, wir sollten diese Menschen als verloren betrachten. Mitleid in unseren Breitengraden braucht es nicht, denn heutzutage ist die Unmündigkeit selbst gewählt.

Zum Anderen müssen wir die Menschen, die dieser Erkenntnis folgen und die sich selbst Regeln für die Entschleunigung auferlegen und die ihren Sinn und ihre Wertigkeit verstehen, suchen. Sie bestärken. Und auch wenn die Anzahl der Menschen, die das verstehen immer geringer wird - es sind doch die Menschen, die die gebauten Fundamente beschreiten und ausbauen.

Eine letzte Erkenntnis möchte ich dabei nicht unerwähnt lassen: es ist völlig unerheblich, ob das Buch dabei in Papierform oder elektronisch gelesen wird. Als eBook-Selfpublisher glaube ich sogar, dass das elektronische Lesen hierbei die Logik noch besser umkehrt und der inhärenten Gefahr der neuen Medien ein Schnippchen schlägt. Sie können mir glauben, dass ich ein großer Freund der neuen Medien bin - ihren Nutzen kann man aber nur erkennen, wenn man bewusst sucht. Und dann ist es wirklich so, dass es Tools und Apps gibt, die sogar zur Entschleunigung beitragen können ... . Aber das ist ein weites Feld.