21. Februar 2016

Weitere Recherchen und Eindrücke

Die Eindrücke sind noch frisch. Sie bewirken beinahe schlaflose Nächte, weil die Gedanken um so viele Puzzleteile herumkreisen, die erst jetzt, ganz langsam, einen Rahmen bilden. Es geht immer noch um die Macht hinter der Macht und dem schmalen Grat zwischen Recherchearbeit und dem Verfall an etwaige Verschwörungstheorien.

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Auch wenn es so aussehen mag – die RAF ist nicht Thema meines aktuellen Buches, wohl aber die „Bleierne Zeit“, ihre Wahrnehmung, ihre Deutung. An beidem gibt es einiges zu korrigieren. Das ergibt sich zwangsläufig aus der Lektüre zahlreicher Bücher. Meine Eindrücke ergänze ich in den kommenden Tagen Stück für Stück mit Rezensionen. Das dürfte ein gutes Dutzend Bücher sein. Zwei davon hatte ich schon besprochen. Machen wir weiter mit diesem hier:

 

PatentöchterJulia Albrecht / Corinna Ponto – Patentöchter

Corinna Ponto und Julia Albrecht gehören zwei Familien an, die durch den Terror der RAF miteinander verbunden sind. Die Schwester von Julia Albrecht, Susanne Albrecht, war die Patentochter des Dresdner Bank Chefs Jürgen Ponto. Sie öffnete seinen Mördern die Tür – im übertragenen Sinne, wie auch ganz praktisch. Denn Susanne Albrecht war eine Terroristin der RAF.

Julia Albrecht, ihre Schwester, nimmt eines Tages Kontakt zu Corinna Ponto, der Tochter von Jürgen Ponto, auf – es entsteht ein Briefwechsel. Beide sind in gewisser Weise Opfer. Corinna Ponto ganz unmittelbar, Julia Albrecht, zum Zeitpunkt des Attentates gerade Mal 13 Jahre alt, wird aus einer normalen Lebenssituation herausgerissen. Beide erzählen von den Ereignissen 1977 und darüber hinaus.

Julia Albrecht schreibt, dass sie sich mit ihrer Schwester nach wie vor verbunden fühlt. Sie und die gesamte Familie hofften, dass die Erzählungen des Peter-Jürgen Book, dem erzählfreudigen Ex-Terroristen stimmen könnten – Susanne Albrecht habe nach der Hinrichtung von Ponto geschrien und die Tat bereut. Sie war Türöffnerin – die Mörder dieses bis heute einzigen, aufgeklärten RAF Mordes waren Klar und Mohnhaupt.  So stellt es dann auch Stefan Aust in seinem Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ dar und so wurde es auch verfilmt. Aber irgendwie passt das nicht zusammen – bei der Ermordung Pontos hinterlässt die RAF das einzige persönlich unterzeichnete Bekennerschreiben. Es trägt die Unterschrift von Susanne Albrecht. Es ist ein Bekenntnis von Susanne Albrecht. Und dass Boock ein notorischer Lügner ist, der aus seiner Selbstinszenierung immer wieder Kapital schlägt – das wird einmal mehr zur Gewissheit.

1990 wird Susanne Albrecht in Berlin verhaftet. Die Stasi hatte ihre Biographie „legendiert“ und sie lebte unbehelligt in der DDR. Selbst ihr Ehemann habe nichts von ihrer Vergangenheit gewusst. Im Prozess kommt ans Tageslicht, dass Susanne Albrecht viel tiefer in die RAF verstrickt war. Der Anschlag auf Ponto war eben nicht das einzige Verbrechen. Entsprechend groß ist die Ernüchterung bei ihrer Schwester.

Und dann recherchiert Corinna Ponto in einigen Stasi-Akten der Birthler Behörde. So bekommt das Buch gegen Ende eine weitere, hochspannende Komponente. Man fragt sich ernsthaft, warum Angehörige der Opfer eigene Recherchen anstrengen müssen, damit extrem unbequeme Wahrheiten ans Licht kommen. Man erfährt von der Operation „Stern“ und wie die Stasi die RAF Terroristen in die DDR eingegliedert hat. Man erfährt, dass die Stasi oftmals besser über die Taten der RAF informiert war, als westdeutsche Behörden. Und wir erfahren, dass westdeutsche Behörden selbst mehr gewusst haben müssen, als in vielen Verfahren dargestellt. Genauso wie das bereits besprochene Buch von Michael Buback „Der zweite Tod meines Vaters“ ist dieses Buch eine konzentrierte, sachliche Blickweise auf den Deutschen Herbst 1977. Aus einer niemals freiwilligen Opferperspektive. Aber gerade diese Perspektive ist wichtig, um zu verstehen, dass die „Bleierne Zeit“ mehr als nur martialischer Filmstoff ist. Sehr lesenswert.