2. Februar 2014

Über das Gutmenschentum

Mein Vokabular. Ich bin dabei, es zu reflektieren. Dies ist ein weiterer Versuch.

Es ist so ein Begriff, den man sehr genau analysieren muss, damit verstanden werden kann, warum er so negativ behaftet ist. Ein guter Mensch gehört zum "Gutmenschentum" - aber die Konnotation des Begriffes ist negativ.

"Gutmensch" ist wie "menscheln", wie oberflächliches Paradieren einer Belanglosigkeit, gepaart mit einem universalen Attribut. Ein ironisches Separieren einer Menschengruppe, der man voller Ironie nachsagt, einer anderen etwas voraus zu haben - das "Gute" an sich taugt nicht für Ironie. Was soll das in Ironie verkehrte Gute auch sein?

Als es zum Beispiel vor einigen Monaten um die ethische Bewertung des damals noch amtierenden Bundespräsidenten Wulff ging, da sagte ein bekannter Fernsehmoderator in einer Talkshow: "Wir wollen doch keine Mutter Theresa als Staatsoberhaupt." - Mutter Theresa, ein Mensch, den man wahrlich als "gut" bezeichnen kann, weil er sein Leben für das Allgemeinwohl eingesetzt hat. Dieser Mensch muss herhalten für ... ja für was eigentlich? Für die Rechtfertigung, dass uns allen mal ein Fauxpas unterlaufen kann und das Herausholen von idealistischen Maßstäben als "Gutmenschentum" zurückgespielt wird? Vor allem als Vorab-Reaktion, auch dann, wenn das "Gutmenschentum" gar nicht übermäßig betont wurde?

Noch viel schlimmer ist die Interpretation des "Gutmenschentums" im Zusammenhang mit Menschen, die sich an uns orientieren und denen man den Strohhalm reichen möchte. Die Rumänen zum Beispiel - alles "Armutseinwanderer". Die Flüchtlinge auf Lampedusa, die ihr Leben riskieren, nur weil sie mal bei ALDI einkaufen wollen? Das "Deutsche Gutmenschentum" gepeinigt von der ewigen Schuld der Nazizeit, will da natürlich die Welt verändern, die Welt verbessern. Und es sind nur die Deutschen. Der Deutsche an sich muss zahlen. Warum nicht die andern? Der Deutsche an sich zahlt für die Krise in Europa ... Das sind die dämlichen Argumente, die vorgebracht werden. Was für ein Unsinn.

Menschen, die so denken, sind Blender. Menschen, die andere als "Gutmenschen" abwertend bezeichnen sind die, die mit der passenden Kleidung, dem passenden Auto, der passenden Rücksichtslosigkeit, die allzu gerne mit Durchsetzungskraft oder gar "Lebenserfahrung" verwechselt wird, durch das Leben gehen und eigentlich nichts können. Sie erkennen nur, dass andere um sie herum - und mit denen bilden sie Seilschaften des gegenseitig betreuten Egoismus - genauso sind. Und der Unterschied zwischen Menschen, die andere despektierlich als "Gutmensch" aburteilen und einer Mutter Theresa ist eigentlich nicht "das Gute". Es ist die Tatsache, dass Mutter Theresa wusste, wofür sie lebt. Es ist ein gewisser Neid von Menschen, die vielleicht ihr Leben lang die Selbstreflexion nicht erlernen werden.

Mit diesen Menschen sollten die "Gutmenschen" Mitleid haben.
Was ist eigentlich das Gegenteil von "Gutmensch"? Warum haben die "Gutmenschen" keinen passenden Begriff für sie parat? Ganz einfach - Weil sie sich nicht damit beschäftigen. "Gutmenschen" sind selbstreflektiert und nutzen ihre Zeit sinnvoll. Dieses innere Selbstreflexion entfernt sie auch von der Welt. Dass gute Menschen manchmal weltfremd wirken ist tatsächlich gar nicht so abwegig.

Die Tatsache, dass ich so einen Blog-Eintrag schreibe, zeigt ja eigentlich, dass ich gar kein Gutmensch bin. Denn ich beschäftige mich ja mit diesem Schubladentum. Ich wurde auch noch nie als "Gutmensch" bezeichnet. Ich beschäftige mich dennoch mit der Unterscheidung von Menschen. Aber das liegt ja auch daran, dass ich mich als Künstler bezeichnen würde. Künstler reflektieren eben nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt. Da kann man noch so gut als Mensch sein - die Welt und manche ihrer Eigenheiten sorgen für ein Remis im Geiste.

Jedenfalls sei eines mal ganz klar gesagt: Ein guter Mensch zu sein, tut nicht weh - es setzt nur Selbstreflexion voraus. Und Menschen, die andere Menschen als "Gutmenschen" abstempeln sind dazu nicht in der Lage. Drum merket Euch: Die eigene Nase ist immer näher, als die des Anderen.