27. November 2016

Herzzeit

Ich hatte es in meinem Post zu meinen Urlaubsvorbereitungen schon erwähnt. In meinen Best-Of Ranglisten der schönsten Bücher, insbesondere im Bereich Zeitgeschichte, gibt es einen neuen Favoriten. Bisher war der Briefwechsel zwischen Franz Kafka und seiner Geliebten Felice und der Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel ganz oben in meiner Liste.

Ein Buch, dass schon vor einigen Jahren erschienen ist, aber jetzt erst von mir wahrgenommen wurde, hat diese beiden Bücher von den ersten Plätzen verdrängt. Denn was kann schon anderes als Weltliteratur herauskommen, wenn die bedeutendste deutschsprachige Lyrikerin der Nachkriegszeit mit einem der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker (männlich) nicht nur einen poetisch-intellektuellen Briefwechsel hat, sondern darüber hinaus auch eine Liebesbeziehung. Gemeint sind Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Ingeborg Bachmann ist vermutlich jedem ein Begriff – geboren 1926 in Klagenfurt, gestorben 1973 in Rom unter tragischen Umständen.

Paul Celan wird im Deutschunterricht vor allem wegen einem Gedicht herangezogen: Die Todesfuge. Dieses Gedicht war die passende Antwort auf das Diktum von Theodor Adorno, der gesagt hatte, nach Ausschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, da ein Gedicht an sich Ästhetik verkörpert und es keine Form von Literatur gäbe, welche dem Grauen von Auschwitz gerecht werden könnte. Paul Celan hat dies mit der Todesfuge wiederlegt. Allerdings sollte man Paul Celan nicht nur auf dieses eine Gedicht reduzieren. Sein lyrisches Werk ist weit umfangreicher und in seinem Stil absolut unverkennbar.

Die Liebesbeziehung zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann beginnt 1948 und wird Ende der 50er Jahre wiederaufgefrischt. Endgültig endet sie wohl erst mit dem Tod Paul Celans im Jahr 1970. Wer nun glaubt, die beiden paraphrasieren diese Liebe mit Worten für Blumenwiesen, der irrt gewaltig. Ingeborg Bachmann war keineswegs eine Frau, die nur intellektuelle Beziehungen zu Männer gesucht hätte. Wer zwischen den Zeilen liest erkennt genau, dass Ingeborg Bachmann immer wieder Männerbekanntschaften pflegte. Mit Paul Celan verbindet sie darüber hinaus wesentlich mehr. Er ist einer der wenigen Männer, der jenseits allem Körperlichem das Sinnliche und das Geistige in ihr anspricht. Genau das ist aber auch der Grund, für das Scheitern der Beziehung. Sie nehmen sich gegenseitig die Luft zum Atmen. Ausschlaggebend für die Distanz zwischen beiden ist vor allem ein fehlendes Verständnis von Bachmann gegenüber den Depressionen, die Paul Celan wohl sein Leben lang geplagt haben mussten. Celan hatte beide Eltern in einem Konzentrationslager verloren und litt sehr unter den Erfahrungen, die er hat machen müssen. Bachmann, die damals wie vermutlich die meisten Menschen kurz nach dem Krieg die Tragweite des Leides gar nicht richtig begreifen konnte, wirft Celan immer wieder vor, dass er sich zu sehr in dieses Leid hineinbegibt und sich als leidend darstelle.

Eine wesentliche Rolle spielt auch der Dichter Max Frisch, mit dem Ingeborg Bachmann später ebenfalls eine Beziehung hatte und der in den in diesem Band ebenfalls dargestellten Briefen an Celan recht unverblümt eine fehlende Kritikfähigkeit Celans attestiert. Celan, der nach dem Krieg und seiner Flucht aus einem rumänischen Arbeitslager, als staatenloser Jude galt, sieht sich bei jeder Art von Kritik einem latenten antisemitischen „objektiven Dämon“ ausgesetzt. Die persönlichen Treffen, die in den Briefen abgesprochen sind, sowie die verschiedenen Versionen eines Briefes zeugen von dem Ringen um nuancierte Ausdrücke, die letztendlich aber nicht zu einem gegenseitigen Verständnis führen.

Das beeindruckende an diesem Briefwechsel ist nicht unbedingt sein lyrischer Gehalt. Es ist vor allem die literaturhistorische Bedeutung, die speziell Paul Celan in einem anderen Licht darstellt. Celan war ein völlig entwurzelter Mensch und seine einzigartige lyrische Begabung hat ihm nicht den Halt gebracht, den er sich selbst gewünscht hätte. Erst im Nachhinein, unter Berücksichtigung seines tragischen Todes 1970, wird diese Entwurzelung deutlich. Der Gesamtkontext war für die Akteure nicht greifbar. Sensible Menschen haben ein Radar für andere sensible Menschen – sie gänzlich zu erfassen gelingt aber so gut wie nie. Dieser Briefwechsel trägt dazu bei und ist ein ganz großes Mosaiksteinchen für alle Menschen, die sich für die beginnende Aufarbeitung nach der Stunde Null im literarischen Deutschland interessieren. Ein unterhaltsames, mitreißendes Zeitdokument.