29. Dezember 2015

Auf meiner Insel 52 / Die Dutschke-Tagebücher

Dutschke

Ich lese derzeit die Tagebücher von Rudi Dutschke. Kein Scherz. Das hat etwas mit der Recherche zu meinem nächsten Buch zu tun. Die Lektüre ist zum Teil etwas mühselig, weil sie zu 90% aus kurzen Notizen, mal mehr mal weniger durchdachten sehr linken Argumentationen besteht.

Aber ab Mitte 1968 ändert sich der Grundton der Einträge. Dutschke hat das schwere Attentat überlebt, an dessen Spätfolgen er an Heiligabend 1979 stirbt. Er beschreibt, wie er versucht, die Anfälle in den Griff zu bekommen und wie er sich seinen Verstand zurück erkämpft. Das macht er sehr sachlich.

Ich bin aufgrund meiner Recherche an ganz bestimmten Tagen und deren Folgen für die Studentenbewegung und die Nachkriegsgeschichte interessiert. Dabei entdecke ich viele Gedanken zu dieser Zeit, die in Dokumentationen nur sehr selten ausgebreitet werden. Zum Beispiel war mir nicht bekannt, dass der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) in West-Berlin mit der SED paktieren wollte. Die SED war in West-Berlin eine offiziell zugelassene Partei. Das ist ein interessanter Gedanke, denn mir war nicht klar, dass die Köpfe der Studentenbewegung einen offiziellen Draht zu SED hatten und damit vielleicht auch Objekt von Beobachtungen durch die Stasi waren. Diese Bemühungen der Intensivierung der Kontaktaufnahme lässt von Jahr zu Jahr nach – je mehr sich die Linken in Deutschland radikalisiert haben, desto spärlicher wurden die Verbindungen. Aber sie haben ganz offziell bestanden.

Ein weiterer Eindruck meiner Lektüre bisher: immer wenn ich alte Interviews mit Dutschke im Fernsehen gesehen habe, dann habe ich mir gedacht, der Typ war ein Möchtegern-Intellektueller, ein kleiner Spinner, ein Revoluzzer. Das kombiniert mit Langhans, Baader oder Meinhof ergab das Bild einer Marionette ohne Fäden, ein kleiner Politclown, der irgendwie in seine Rolle hineingeschlüpft ist. Dieser Eindruck ist komplett widerlegt. Die Dinge, die ich als Nachgeborener verstehen kann, die Gedanken, die Dutschke beschäftigt haben und die er darlegt, gründet er auf wirklich herausragenden Zitaten und liefert immer eine sehr logische, geistreiche Argumentation.  Immer wieder fordert er seine Mitstreiter auf, nicht bloß mit „Schlamm-Dialektik“ für „Aktionen“ zu sorgen. Die richtige Anwendung der Dialektik zur Auflösung von Widersprüchen steht in seinen Gedanken im Vordergrund. Er war also kein labernder Agitator – hinter seiner Person, seinem Geist, steckt weit mehr als das, was oberflächliche Dokumentation darstellen können.

Aber – so viel darf ich verraten – ich schreibe kein Buch über Dutschke, wohl aber über seine Zeit. Und da gibt es vieles, dass ich mir erst aneignen muss. Schließlich bin ich nur ein interessierter Nachgeborener. Mehr zu meinen Recherchen in den kommenden Wochen.

Hier ein Interview mit Dutschke und dem herausragenden Günter Gaus – sachlich, vielsagend, zeitlos.